Zu dir oder zu mir? Oder zu uns?"Zuhause" - ein Mix aus Lebensraum, Beziehungen, Wandel, Zeit und Platz
Von Sabine Oelmann 
Wie Veränderungen daheim in Bezug auf veränderte Lebenssituationen gelingen können, damit beschäftigt sich Ahuti Alice Müller seit mehr als 25 Jahren. Sie hat ein Buch geschrieben, das süchtig macht.
Ich war fast vier Jahre ein Einzelkind; als mein Bruder kam, wurde es enger. Ich teilte mir mit ihm ein Zimmer, wir hatten Stockbetten, ich oben, er unten. Daher vielleicht meine Vorliebe für Dachgeschosse, oben fühlte ich mich schon immer besser. Als ich in der sechsten Klasse war, zogen wir um und bekamen jeder ein eigenes Zimmer. Ich natürlich das größere. Als ich auszog, zog er in mein Zimmer. Sein Zimmer wurde neugestaltet, meine Eltern hatten mehr Platz. Jetzt wohne ich ebenerdig. Dafür mit einem Garten. Dass dieser mir das "Gefühl der Höhe" durch Weitläufigkeit ersetzen könnte, ist leider ein Irrtum geblieben. Ich liebe mein Zuhause. Ich will aber wieder nach oben.
Der Schriftsteller Alain de Botton drückt das besser aus: "Wir Menschen - ob wir wollen oder nicht - sind an einem anderen Ort ein anderer Mensch. Unsere Identität ist in diesem Sinne nichts Feststehendes, sondern sie ist mit dem jeweiligen Aufenthaltsort verbunden und verändert sich mit ihm. Man kann es bildlich auch so beschreiben, dass sich in unterschiedlichen Räumen unterschiedliche Teile der Ich-Identität kristallisieren und damit auch verändern können." Bingo, ich wusste es schon immer! Und auch, dass es nicht egal ist, wo man wohnt: In der Stadt, auf dem Land? In welcher Stadt? In welchem Viertel der Stadt? Denn auch das schafft Identität, Heimat, Verbundenheit.
Die Niederlassens-Identität
Ahuti Alice Müller ist Architektin, Supervisorin, Coach (DGSv) und Referentin mit Büro in Köln. Sie berät Familien, Paare und Einzelpersonen zu individuellen Wohnlösungen und begleitet deren Umsetzung und hat über das Thema "Vier Wände und wir" ein Buch geschrieben. Es ist spannend, was sie herausgefunden hat, mit wem sie gesprochen hat, wen sie zitiert. Müller empfindet nämlich zum eben erwähnten Thema "Lage, Ortsbindung und Ortsidentität" ähnlich wie de Botton: "Die Wohnlage ist ebenso bedeutsam wie die Wohnung oder das Haus selbst: Stadt, Stadtviertel, Vorstadt, Kleinstadt oder auf dem Land? Die Vorlieben für und Abneigungen gegen eine bestimmte Art von Wohnumgebung oder Wohnlage resultieren meist aus glücklichen oder schmerzhaften Kindheitserfahrungen, der Phase des entsprechenden Lebenszyklus, in der sich Menschen befinden oder den persönlichen Eigenschaften."
Müller bezieht sich auch auf Clare Cooper Marcus, die bereits 1995 sagte, dass jeder Mensch eine "Niederlassens-Identität" habe: Lebe man entgegen dieser Niederlassens-Identität, könne sich schnell das Gefühl einstellen, nicht dazuzugehören. Ihr ganzheitlicher Ansatz, Mensch und Raum miteinander zu verbinden, spiegelt Müllers Faszination für diese Dynamiken wider. Ihr Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen in Bezug auf die Gestaltung von Lebensräumen ist das Ergebnis ihres kontinuierlichen, beraterischen Entwicklungsprozesses.
Ob gemeinsames oder getrennte Schlafzimmer, unaufgeräumte Kinder- und Jugendzimmer oder der Arbeitsplatz am Küchentisch - es ist nicht nur eine Platz- oder Budgetfrage, wie wir wohnen, es liegt auch an den Lebensumständen. Müller zeigt anhand von Fallbeispielen aus ihrer Beratungspraxis, wie das gelingen kann - sei es als Paar, als (Patchwork-) Familie oder für sich allein, selbst gewählt oder unfreiwillig. Müller gibt den Lesenden konkrete Beispiele und Übungen an die Hand, um sich in den jeweiligen aktuellen und individuellen Lebens- und Wohnsituationen wiederzufinden. Es geht es um: "Das Paar in der Familien- und/oder Projektphase", "Die Wohnung entwickelt sich mit - Möglichkeiten und Grenzen des Raums". Oder: "Der Neuanfang im ehemaligen Elternhaus"; Der Ringtausch - Ein Familienglück zerbricht und drei Familien wechseln ihre Wohnungen" oder: "Die verschwiegene Trennung". Kommt Ihnen da was bekannt vor? Denn so individuell wir auch sein mögen - die Muster sind sich doch überall sehr ähnlich.
The Beginning
Wenn man zum ersten Mal, nach der Zeit bei den Eltern, allein wohnt, gehört einem alles, auch wenn es nicht viel ist. Wenn man mit anderen, zum Beispiel in einer WG, wohnt, muss man Rücksicht nehmen. Das gelingt nicht immer. Wenn man mit jemandem - dem Herzensmenschen beispielsweise - zusammenzieht, wird alles anders. Wenn dann Kinder kommen, wird alles nochmal ganz anders. Meist macht man den Kindern dann Platz, und räumt seinen Krimskrams zusammen - Arbeitsplatz, Ankleidezimmer, Gästezimmer, Hobbyraum - und sehnt sich bereits nach kurzem nach mehr Platz für sich selbst.
Es ist nicht zu unterschätzen, was es mit einem macht, wenn man keinen Platz (mehr) hat. Wie der Kunstpädagoge und Gestaltungstheoretiker Gert Selle 2011 in seinem Grundlagenwerk "Die eigenen vier Wände. Wohnen als Erinnern" schrieb: "Wohnen bleibt der archaische Akt, durch den jene ursprüngliche Geborgenheit hergestellt wird, die einst überlebensnotwendig war. Höhle und Nest gelten als Urbilder des Wohnens."
Haus fertig, Ehe kaputt
Wohnen ist wichtig! Dazu noch einmal Clare Cooper Marcus, Professorin für Landschaftsplanung und Architektur: "Das Bedürfnis, sich an einen Ort und an seine Menschen zu binden und ihn zu einem Teil seiner selbst werden zu lassen, gehört so sehr zu den tiefsten Schichten unseres Menschseins, dass seine Erfüllung, wie immer diese auch aussehen mag, für die meisten von uns unabdingbar ist, wenn wir ein gelungenes Leben führen wollen." Und ergänzt, fast warnend: "Viele Architekten berichten, welch außerordentliches Taktgefühl und Sensibilität es erfordert, Paare zu beraten; die Tatsache, dass zwei sich entschieden haben, sich ein Haus entwerfen zu lassen, kann Vorstellungen zutage bringen, die manchmal fundamentale Gegensätze zeigen in dem, wie sie die Welt sehen. Ich habe etliche Architekten getroffen, die ihre Arbeit für Paare komplett aufgegeben haben, weil sie das delikate Ausbalancieren der Rolle zwischen Architekt und Eheberater zu stressig fanden." Kurz: Haus fertig, Ehe kaputt.
Wie also kann es nun mehreren Individuen gelingen, sich in einer Wohnung, einem Haus, gemeinsam zu beheimaten? Vor allem, wenn Menschen wachsen, sich verändern, sich ihre Bedürfnisse wandeln - wie spiegelt sich ein solcher Prozess im Wohnen? Wenn "er" auf "Gelsenkirchener Barock" steht und "sie" auf "Bauhaus"? Wenn die Freischwinger zu Hüpfburgen werden und die Bügelwäsche plötzlich im Wohnzimmer rumsteht? Tagelang ...
Alice Ahuti Müller geht auf diese Veränderungen ein, die mit einer neuen Wohnung, einem neuen Haus, unweigerlich einher kommen. Darauf, was uns verbindet. Darauf, was passiert, wenn die Eltern sterben und das ursprünglichste Zuhause, das wir je hatten, wegfällt. Und wenn man dann in das Haus der Eltern zieht, es verändert. Sie beschreibt, was Wohnen mit Menschen macht: zusammenziehen, Kinder bekommen, sich trennen, neue Partner ins Leben lassen. Das, was ist, wenn die Kinder ausziehen und man plötzlich viel mehr Zeit und Platz hat. Das, was im Alter passiert.
Leidenschaftliche Wohnsucht
Auch die Schriftstellerin Gabriele von Arnim, die in ihrer Autobiografie "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" das Wohnen als ihr "Hobby" bezeichnet, kommt nach gründlicher Selbsterkundung zu einem Schluss, der sie überrascht: "Ich wusste nicht, dass viel mehr steckte in dem Wunsch nach schönem Wohnen als nur der Wunsch nach schönem Wohnen; dass meine leidenschaftliche Wohnsucht eine Antwort war auf kindliche Heimatlosigkeit. Wohnen als nachgeholte Lebenswärme, als Flucht vor existenziellem Unbehaustsein."
Eine Protagonistin im Buch gesteht: "Orte und Räume sind mir tatsächlich wichtiger als Menschen, ich stelle Orte über Beziehungen, das wird mir beim Erzählen gerade klar." Und es gibt Menschen, die sich noch nie so wohlgefühlt haben wie in einer Einzimmerwohnung. Sie brauchen die "Muschel", das Geborgene; mit langen Fluren und hohen Decken können sie nichts anfangen.
Zuhause, zum Schluss
Alte Menschen in Heimen bitten ihre Kinder oft, sie mit "nach Hause" zu nehmen, und wenn schon nicht in das eigene Zuhause, das es nicht mehr gibt, dann in das Zuhause der Kinder.
"Nur für eine Nacht, bitte!"
"Das geht heute nicht, Papa.
"Kann ich nicht bei euch wohnen?"
"Das geht wirklich nicht, Papa."
Weil ich dann verrückt werde. Weil ich mich dann nicht mehr um meine Kinder kümmern kann. Weil ich mich dann scheiden lassen kann nach einem Jahr. Weil ich mir das nicht zutraue. Weil ich dich zu sehr liebe. Weil wir uns fürchterlich streiten würden. Weil ich zu feige bin. Weil es mein Zuhause ist.
"Wann fahren wir denn nach Hause?"
"Papa, du bist zu Hause."
"Nein, das ist nicht mein Zuhause, ich möchte jetzt gehen."
Ich habe mich gewunden, geschämt, mich schlecht gefühlt, als mein Vater ins Heim kam. Denn als seine Demenz ein "normales", ein selbstständiges Leben nicht mehr zuließ, hat unsere Familie sich zwar gegenseitig versichert, dass wir wahrscheinlich meist ziemlich viel richtig machten, als wir ihn ins Heim brachten. Ganz überzeugt waren wir nicht. Wir haben dem Vater schließlich sein Zuhause weggenommen. Er ging morgens aus dem Haus, machte einen Ausflug mit Freunden, und abends kam er ins Heim. Zwischendurch hatten wir sein neues, schönes, großes Zimmer mit Balkon in einer Seniorenresidenz so eingerichtet, dass es "wie Zuhause" aussieht. Sein wirkliches Zuhause betrat er nie wieder. Wenn ich jetzt daran denke, wird mir noch immer übel. Unsere Entscheidung war richtig, theoretisch, sie hat unseren Familien das Leben vereinfacht. Es war im Rahmen aller Möglichkeiten ein schönes Heim. Und er hatte es dort auch ganz schön. Aber eben kein Zuhause.
Sie sehen - Wohnen ist wichtig!! Für die einen mehr, die anderen weniger. Wer mehr erfahren will, der liest das Buch von Alica Ahuti Müller - sie hat für jede Lebens- und Wohnsituation ein Kapitel und Gespräche mit Fachleuten geführt. Es gibt so viele Aha-Momente. Und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum gibt dem Thema eine zusätzliche Brisanz.
